Zuckerwatteeeeee !!!

02.09.23

Blockzeit: 03:15 – 04:23 (heute +01:08)

Auf dem Weg zum Platz plagt mich heute ein wenig das schlechte Gewissen. Beim letzten Mal haben wir beim Einhallen vermutlich die roten „Verhüterli“ vergessen, die Staub und Insektenbesuch in den „Sensoren“ der Katana verhindern sollen. Gerade wegen so etwas war doch die Sirius am Boden geblieben. Argh. Nächstes Mal mehr Aufmerksamkeit, und nicht schon mit den Gedanken auf der Straße nach Haus. Bei einem Luftfahrzeug in der Halle nicht sooo schlimm, trotzdem: Allen Anfängen wehren.

Nicht nur als Schlüsselanhänger nützlich

Jan ist wieder vor mir dran, und der Himmel ist sommerlich blau, mit einzelnen Schäfchenwolken. Ein schönes Wetter zum Segelfliegen, unter den „Kumulanten“ findet sich reichlich Thermik, wie ich später noch erfahren soll. Nach einer netten Bekanntschaft mit dem heutigen Türmer, einem älteren Vereinsmitglied, lasse ich unseren Flugleitstand „Zitrone“ hinter mir und begebe mich zur Katana, die bis zur Halbbahnmarkierung rollt, um mich aufzunehmen. Heute ist wieder Dirk dran uns Quaxe in die hohe Kunst der Luftfahrt einzuweihen.
Während seiner ausführlichen Nachbesprechung mit Jan beobachte ich die Checks der unweit parkenden Roland Z-602, einem der Ultralights im Verein. Nachdem diese durch sind, gibt’s im Cockpit immer noch regen Austausch, so dass ich die Zeit für einen ausführlichen Walkaround nutze.

Schön wird’s bei der Überziehwarnung, in deren Nähe sich eine Wespe auf der Tragfläche sonnt. Den Fliegerkameraden in schwarz-gelb kurz verscheucht, Sichtprüfung: kein weiteres Insekt in der Öffnung. Was macht jetzt der vorsichtige Flieger? An eben jener Öffnung kräftig saugen, steht ja so im Handbuch. Zur Bestätigung ertönt im Cockpit gleich in Überlautstärke das „Quietschentchen“, die gefürchtete Überziehwarnung, und den Kollegen auf den Sitzen fährt erstmal der Schreck in die Glieder, die Nachbesprechung kommt zu einem Ende. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Nein, diese Öffnung hat nicht Kaliber 12,7 mm, Fehlfunktionen sind hier aber auch unerwünscht

Heute steht der Wind rechtwinklig zur Bahn, zwar nur mit fünf Knoten, für mich aber trotzdem ungewohnt. Gleichzeitig habe ich noch im Bodeneffekt das Gefühl, dass die Katana trotz ruhiger Hand am Höhenruder ganz schön hochschießt. Einbildung? Oder kräftige Thermik über der Startbahn?

Was es auch sei, wir machen uns die Wetterlage zu Nutze. Bei Erreichen des kleinen Feldwegs, der häufig die erste Richtungsänderung einleitet, ist Dirks Anweisung für heute: Weiter steigen. Die Thermik ist zu spüren, aufsteigende Luft oder deren plötzliches Fehlen lässt die Maschine mal stärker mal flacher steigen, was nicht nur das Popometer behauptet, sondern auch vom Variometer bestätigt wird. Wir nehmen derweil mit leichten Korrekturen hie und da Kurs auf ein Wolkenfeld. Ich soll doch nicht etwa? Doch ich soll!

Kaum haben wir die Untergrenze der Wolken passiert wird es merklich ruhiger, kein Bocken, kein Schlingern mehr. Dies hänge mit dem Übersteigen der Inversionslinie zusammen erklärt Dirk, der Höhe in der die Feuchtigkeit nicht weiter aufsteige, weil sie temperaturbedingt kondensiere und eine hübsche Wolke bilde. Darum bliebe man in der Verkehrsfliegerei solange es die Lotsen zuließen immer so lange wie möglich über den Wolken und… … … … … … … ich bin derweil in meinem eigenen Film, die graue Theorie ist an mich verschwendet: Zuckerwatteeeeee! Ich turne tatsächlich hier oben auf 2500ft in der Zuckerwatte rum. Nicht am Bildschirm, nicht in der VR-Brille, sondern live mit eigener Hand am Steuer. Kleine Korrektur nach rechts, hier wieder nach links, langsam mal in den Reiseflugmodus und schön um die weißen Riesen rum. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal vor kindlichem Staunen den Mund offenstehen hatte, aber jetzt ist definitiv ein solcher Augenblick. Ob wir hier noch ein paar Stunden bleiben könnten?

Langsam kehre ich wieder in die Realität zurück, hier oben gelten ja strenge Spielregeln: Abstand halten, sowohl seitwärts als auch drüber / drunter, damit man keine ungewollte Bekanntschaft mit einem von irgendwoher durchstoßenden IFR-Flieger macht.

„Flieg niemals in ne Wolke rein, es könnte schon wer drinne sein“

– Fliegerweisheit

Extreme Auf- und Abwinde, starker Hagel oder gar die allseits gefürchtete räumliche Desorientierung runden den Gefahrenkatalog der flauschigen Riesen unschön ab. Allen Gefahren zum Trotz: Bisher der beste Augenblick meiner Ausbildung, ein Gefühl dass ich lange nicht vergessen werde.

Ziele auf den Mond. Selbst wenn du ihn verfehlst, landest Du zwischen den Sternen Wolken.

Unser Zickzackkurs durch Wolkenkuckucksheim führt uns zum nahegelegenen Tagebau Hambach. Auch aus der Luft ein atemberaubender Anblick, auf die ein oder andere Art, je nach Gemüt und politischer Einstellung. Die Ingenieursleistung ist jedenfalls gigantisch, 45 Quadratkilometer bei aktueller Ausdehnung, bis zu 400m unter dem umliegenden Gelände. Die Maschinen bewegen angeblich jährlich so viel Material, wie in der gesamten Bauzeit des Panamakanals bewegt worden ist. Viele sich gegen den Abbau einsetzende Aktivisten sagen, dass hier der Erde eine riesige Wunde geschlagen wurde, weisen auf die unglaubliche Menge CO2 hin, die bei der Kohleverstromung freigesetzt wurde und auf all die Dörfer, deren Bewohner zwangsweise umgesiedelt wurden. Ich weiß leider zum Teil wovon die Rede ist. Der Heimatort meines Vaters ist am ursprünglichen Rand des Tagebaus genau derjenige, der nicht abgerissen wurde, viele seiner Freunde hatten nicht dieses Glück. Auch wenn es banal klingen könnte: Viele Fußballplätze auf denen er früher gespielt hat, Kneipen in denen er zu Gast war, Kirchen in denen er Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen beigewohnt hat, sind einfach nicht mehr da. Auch mein Heimatort war „Teil der Planung“. Zum Glück nur Teil der Ausweichplanung, falls Hambach keine Genehmigung erhalten hätte. Ein mieses Gefühl bleibt.

Tagebau Hambach, selbst die riesigen Bagger wirken wie Spielzeug in dieser Landschaft

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Braunkohle einer ehemals eher armen, immer landwirtschaftlich orientierten Region über Jahrzehnte einen bescheidenen Wohlstand verschafft hat. Hoffen wir, dass wir uns bald nicht mehr über das Thema zerlegen müssen, weil wir für alle etwas Besseres gefunden haben.

Dann geht’s unter den Wolken auch schon zurück zum Platz, die Thermik ist wieder deutlicher spürbar. Zum Abschluss folgen wieder Platzrunden, diesmal sind aber weniger geplant, Dirk möchte wegen des heute knapperen Tankstands eine Stunde Flugzeit auf keinen Fall überschreiten.

Wie es nach dem grandiosen letzten Mal so läuft? Wenn ich „schlecht“ sage hilft mir ja doch keiner, war aber so. Heute bin ich fahrig und warte vergeblich auf den „Flow“. Dirk scheucht mich durchs Programm, da ist wohl weniger hängengeblieben, als gedacht. Lektion Nummer 1 von heute: Mehr nach- und vorbereiten, sonst bleibt zu wenig hängen. Lektion Nummer 2: Unzufriedenheit macht Birne hohl. Auf 800ft folgt ein mieser Fehler, ich fahre beim zweiten Startflug die Klappen von „Start“ runter auf „Landung“, anstatt hoch. Dirk passt auf wie ein Luchs und korrigiert mit kurzer Ansage, ich versuche den Ärger über den Fehler wegzupacken, aber siehe Lektion 2. Der Rest der vier Runden verläuft mäßig, da sollte mehr gehen.

An der Halle wartet ein Vereinskamerad, der auch zurück zur „Zitrone“ muss. Wir fahren eins der Clubfahrzeuge, einen ausrangierten Wolf-Geländewagen, mit Flecktarn und allem zipp und zapp. Starkes Gerät, glaube ich muss mir dann doch mal die Einweisung für’s Befahren des Sicherheitsbereichs holen.

Auf dem Rückweg plaudern wir über Dresden, Leipzig und die Sächsische Schweiz, das Heimatrevier meines Fahrers. Von Pirma aus ließe sich die „Schweiz“ wunderbar aus der Luft erkunden.

An der „Zitrone“ gebe ich noch Krempel ab und habe sogar die Gelegenheit Dagmar, meiner Wohltäterin vom letzten Mal die Hand zu schütteln. Dann ist es Zeit etwas zerknirscht den Heimweg anzutreten. Beim nächsten Mal muss das besser laufen. Hoffentlich macht mir die Arbeit keinen Strich durch die saubere Vorbereitung. Jan tritt am 16.09. wieder an, ich pausiere: Am Abend vorher ist Fliegerherbstfest, für das wir seit Menschengedenken endlich wieder Karten haben.

Blick in die nahe Zukunft

Ich sehe einige Gläser des auf dem Fest fast schon traditionellen „Jäger-O“ auf mich zukommen, vormittags fliegen kommt mir nicht in die Tüte. Nachmittags bin ich dann mit der Firma beim „Effzeh“, auch seit Menschengedenken das erste Mal wieder, und dann auch noch in der Loge.

Ob ich nicht irgendwie…. nein. Was nicht gut geht, geht gar nicht. Muss ich mir als jemandem, der seine Grenzen gerne auch mal auf Elastizität testet, beim Fliegen ab jetzt immer wieder sagen. Da ist die Grenze? OK, ich halte ein wenig Abstand, und verschiebe höchstens aus sicherer Entfernung. Nächstes Mal…

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