Double Feature 1/2

30.09.2023

Blockzeit: 05:32 – 06:50 (heute +01:18)

Da ist das Ding! Endlich halte ich das heiß ersehnte Medical in den Händen:

Mein Medical Class 2

Damit sind die rechtlichen Voraussetzungen für den ersten Soloflug geschaffen , d.h. das erste Fliegen ohne Fluglehrer. Bevor es soweit ist, müssen allerdings erst noch zwei Fluglehrer unabhängig voneinander der Meinung sein, dass es eine gute Idee ist, mir ein Flugzeug mit einem sechsstelligen Kaufpreis in die Hand zu drücken. Um an diesen Punkt zu kommen heißt „weiter Stunden kloppen, weiter die Platzrunde schrubben“. Und damit das irgendwann mal wahr wieder habe ich für dieses Wochenende die Katana gleich für zwei Slots reserviert, Zeit für ein DOUBLE FEATURE 🙂

Heute auf dem Flugplatz wartet gleich wieder eine Neuerung auf mich, hört auf den Namen Volker. Rolf und Dirk hatte ich ja bereits vorab kennengelernt, bin gespannt mit wem ich mich hier in die Lüfte wagen darf. Mal schauen was Dr. Google sagt: gelernter Lotse, mittlerweile Berufspilot, mit eigenen Beiträgen in Luftfahrtmagazinen zu finden. Der Lebenslauf „atmet“ förmlich Luftfahrt. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren. Ein Anruf zwei Abend vorher zerstreut die letzten Zweifel, wirklich nett gequatscht, das kann nur gut werden.

Heute geht’s direkt zur Halle, bin extra früh da, damit ich die reservierte Zeit maximal ausreizen kann. Extra FRÜHER waren dann aber doch die Kollegen der Abteilung Segelflug da, die bereits ihre Torseite der Doppelhalle aufhaben und munter ihr Gerät ausräumen: Diverse Flugzeuge, Traktor, Kuller, Bus. Ja, einen ganz Bus, den mobilen Flugleitstand der Abteilung.
Die Doppelhalle hat übrigens einen Nachteil: Die Tore der rechten Hallenhälfte schiebt man über die linke Hallenhälfte und umgekehrt, so dass ich jetzt trotz frühem Ankommen vor einer doppelten Lage der fünf Meter hohen Torpanelen stehe, ohne die Maschine rauszukriegen… Mattes, angehender Militärpilot hat einen Tipp: Einfach dort durch die Öffnung zwängen und Du bist im anderen Hallenteil. Uuuuh… dort wo die meterhohen Panele langlaufen? Kein gutes Gefühl, ich kann das Manöver aber trotzdem im Vollbesitz meiner Gliedmaßen beenden. Etwas dunkel hier, aber die Handylampe richtet es, mit leichter Verspätung gehe ich ans Pre-Flighten.

Schummriger Hangar am Morgen

Schließlich ist nebenan freigeräumt, die schweren Torpanele bewegen sich (immer ein schöner Frühsport, denn elektrisch ist hier nix). Immer noch ein Heidenaufruhr vor der Tür, diverse Flugzeuge und der Bus sind schon weggezogen worden, ein anderes steht noch im Weg, Reifenwechsel ist angesagt. Schließlich gelingt es mir im Getümmel auch meinen Fluglehrer für heute zu finden und den Klarstand der Maschine zu melden. Die paar abweichenden Details, die mir aufgefallen sind, gehen wir gemeinsam durch. U.a. ist der Choke-Hebel nicht 100% selbstrückstellend, was aber nach der Startphase und manuellem Zurückstellen keine Rolle mehr spielen sollte.
Es folgen noch tausend Kleinigkeiten: Maschine muss noch getankt werden, ein Segelflugzeug steht im Weg, beim Schieben gibt es den Hauch einer Berührung der Flächenspitzen, sofortige Checks daran, auf der Taxiway müssen wir noch einen Traktor mit Segler überholen… und so schwindet sie dahin, die kostbare Zeit über den Wolken.

Volker hat, wie jeder Fluglehrer, seinen eigenen Stil. Schon beim Losrollen tanzt der Stift auf dem Kniebrett, Notizen zur späteren Durchsprache, aber währenddessen nur wenig Korrekturen. Den Berufspiloten merkt man ihm aber an. Auf dem Weg die Taxiway runter besprechen wir Threats & Risks des heutigen Flugs: Ich bin Schüler, wir fliegen zum ersten Mal gemeinsam, er hat lange nicht mehr auf der Katana geschult etc. Equipment-Themen haben wir dann auch noch, haben einen durchlaufenden Morsecode auf den Kopfhörern, der für zusätzliche Ablenkung sorgt und den wir nicht abgestellt kriegen. Später sollte sich herausstellen, dass es sich um den Morsecode handelt, den das VOR Nörvenich ausstrahlt, eine futuristisch aussehende Antennenanlage zu Navigationszwecken.

Luftbild eines VOR (MIC)

Wie alles in der Luftfahrt ist auch das englisch: VHF omni-directional range, also ein UKW-Drehfunkfeuer, was unter dem Kürzel NVO in allen Luftfahrtkarten verzeichnet ist. Wir einigen uns, dass wir mit all diesen Faktoren einfach analog meiner letzten Stunden ruhige Platzrunden fliegen, nichts Neues.

Bei einer Handvoll Steine auf der Bahn ist Volker auch hellwach, werden direkt als potentielle FOD-Gefahr (foreign object damage, also Fremdkörperschaden) weitergemeldet. Der Katana macht das alles nichts, ins Triebwerk eines Eurofighters gesogen beschädigt die Handvoll Steine mehr als ihr eigenes Gewicht in Gold. Unsere Flugleitung „Nörvenich Radio“ scheint das Thema nicht zu erreichen, keine Reaktion im Funk. Das Standardverfahren lautet hier nochmal die Rückantwort zu forcieren. Nach mehrmaligem Anruf mit „Radio check“ ist dann auch die Flugleitung wieder ganz Ohr und der Kehrwagen des Geschwaders wird informiert. Ob da der richtige Knopf nicht gefunden wurde oder jemand dem Ruf der Wildnis gefolgt ist, werden wir heute nicht mehr ergründen.

Das Fliegen selbst ist genial: Volker gibt mir die Maschine vollständig in die Hand, und belässt es bei Überwachung und Notizen. So fühle ich mich relativ frei, als ich die Maschine in den Himmel schraube, die Platzrunde selbsttätig abfliege, mich auf die Landung vorbereite und… ja. Verdammt. Die Landung. Aus dem Wissen, dass es gerade meine Maschine ist, ohne dass mir die Hand des Fluglehrers an den Kontrollen einen „Rahmen“ gibt, entsteht jetzt doch eine gewisse Nervosität…. lediglich in der letzten Phase der Landung, dem „Brechen“ der Strömung gibt es leichte Unterstützung.

Die Landung glückt, ich rolle aus, und der Notizblock entfaltet seine Magie. Funken beim Herstellen der Rollbereitschaft nicht vergessen, disziplinierter die Center Line bei Start und Landung halten und sowohl Abflug als auch Anflug bei der jeweils erforderlichen Geschwindigkeit stabil halten. OK. Ist ne Packung, verarbeite ich aber hier in sortierter Form deutlich leichter als im Trubel der Dinge in der Luft.
Dann kommt mein Feedback an ihn, nämlich dass ich es klasse fand langsam freier agieren zu können, dass das aber trotzdem noch gewöhnungsbedürftig sei, und mich momentan im Landeanflug nicht ruhiger macht, ganz im Gegenteil. Die darauf folgende lässige Entgegnung klärt das Thema.

Mach Dir keine Sorgen, wenn ich Angst um mein Leben kriege greife ich schon ein.

– Volker

Einige Platzrunden später fahre ich mit einem ganz neuen Gefühl für die Maschine nach Hause und nehme mir vor am nächsten Tag NOCH früher am Platz zu sein, um vielleicht dieses Mal die volle Zeit zu nutzen.

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